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Letzte Änderung: 27.10.2017


Nachbetrachtung




Nachbetrachtung

zum 52. Süddeutschen Münzsammlertreffen in Darmstadt


Begrüßungsabend



Die fast spätsommerlichen Tage im „goldenen Oktober“ waren zwar gerade vorbeigezogen, aber die Niederschläge hielten sich in Grenzen, so daß das Programm ohne Kürzungen bleiben konnte. Am besten besucht war der Begrüßungsabend, bei dem die Münzfreunde Darmstadt Sammlerkollegen aus Nah und Fern empfangen durften. Der Traditionsgasthof „Bockshaut“ war dafür auch deshalb besonders geeignet, weil in ihm zwei Brüder mit passenden Berufen geboren sind: Georg Habich (1868-1932, Direktor der Staatl. Münzsammlung München: „Die dt. Schaumünzen des 16. Jhdts. 1929 ff.)und Ludwig Habich (1872-1949, Bildhauer u. Medailleur: 3 Mark Württemberg 1916 usw.)
Begruessungsabend
Begrüßungsabend im Restaurant "Bockshaut"



Vortragsrogramm in der Universitäts- und Landesbibliothek



Klaus Reuter (Münzfreunde Darmstadt) übernahm die Moderation und führte routiniert durch die Veranstaltung.

Dr. Barbara Simon, Präsidentin der DNG, begrüßte die Teilnehmer, bedankte sich bei den Münzfreunden Darmstadt für die erneute Ausrichtung des Sammlertreffens und eröffnete das 52. SMT.

Eröffnung des 52. SMT durch Dr. Simon
Eröffnung des 52. SMT durch Dr. Barbara Simon (Präsidentin der DNG).
Moderation Klaus Reuter






Dr. Gunter Quarg: Georg I. von Hessen-Darmstadt (reg.1567-1596) und die Numismatik



Gemäß dem Wunsche Philipps des Großmütigen(1504-1567) regelten seine vier Söhne in Kassel, Marburg, Rheinfels und Darmstadt ihre Münzangelegenheiten zunächst gemeinsam. Für ihr wichtigstes Vorhaben, die Ausprägung von ganzen und halben Reichstalern 1572 schlossen sie überdies ein Bündnis mit den rheinischen Kurfürsten (Köln, Mainz, Trier und Pfalz)‚ die zeitgleich solche "Vereinsmünzen“ in Auftrag gaben. Von den Talern Georgs I. von Hessen-Darmstadt haben sich bis heute nur zwei Exemplare erhalten. Nicht selten ist dagegen die Münze, welche der Landgraf an einer goldenen Halskette trug und die seine Bildnisstatue von 1589 schmückt: es handelt sich um einen sogenannten Görlitzer Schekel. Die Anregung zum Erwerb eines solch bemerkenswerten Schaustückes kam mit hoher Wahrscheinlichkeit aus dem intensiven Studium einer mehrbändigen und mehrsprachigen Bibelausgabe (Antwerpen 1569-72). Das 1573 gekaufte Exemplar des für seine theologischen Interessen mit dem Beinamen „der Fromme“ ausgezeichneten Fürsten gehört noch heute zum wertvollen Altbestand der Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt. Zwei nur als Proben überlieferte medaillenartige Prägungen (Wappen mit Monogramm und Gedenkgroschen auf die Geburt seines Sohnes Heinrich 1590) beschließen die numismatischen Aktivitäten Georgs im engeren Sinne. Posthum werden mit ihm noch ein Medaillon mit Kaiserporträt und der Sterbetaler seines Enkels und Namensvetters Georg II. (gest. 1661) in Verbindung gebracht. Schließlich erinnerte Großherzog Ludwig III. 1867 mit einer kleinen in Gold und Silber ausgegebenen Schaumünze an die Erhebung Darmstadts zur Residenz im Jahre 1567.



Festvortrag Dr. Gunter Quarg
Dr. Gunter Quarg, Festvortrag
Vortrag H.-D. Müller
Vortrag Horst-Dieter Müller

Horst-Dieter Müller: Hessen-Homburg, von der Darmstädter Nebenlinie zum souveränen Landgrafthum



Nachdem Landgraf Georg I. die Primogenitur in Hessen-Darmstadt eingeführt hatte, fehlten seinem Sohn, Landgraf Ludwig V., die Mittel, um seine jüngeren Brüder auszahlen. Seinen jüngsten Bruder, Friedrich I. entschädigte er 1622 vertraglich mit der Regentschaft über das Amt Homburg, das 1583 aus der Erbschaft von Hessen-Rheinfels der Darmstädter Linie zugefallen war, und einer jährlichen Apanage von 12.000 Gulden. Darüber hinaus regelte der Gründungsvertrag die Gerichtsordnung. Über unerwähnte Rechte brachen bald Streitigkeiten aus, so auch über das Münzrecht. Darmstadt behauptete: Was der Nebenlinie nicht ausdrücklich zugestanden ist, sei ihr nicht gestattet. Homburg hielt dagegen: Was sich Darmstadt nicht vorbehalten habe, stünde Homburg zu. Als der Homburger Landgraf Friedrich II., ein Enkel Georgs I. und Neffe Ludwigs V., im Homburger Schloss 1690 eine Münzprägestätte einrichtete und die ersten Münzen ausgegeben waren, griff Landgraf Ernst Ludwig ein. Er ließ den Homburger Münzmeisters gefangen nehmen und in Gießen inhaftieren und drohte mit anrückendem Militär. Homburg verzichtete auf weitere Münzprägungen. Dabei blieb es bis zum Ende des alten Reiches. Erst in der Schlussakte des Wiener Kongresses wurde Hessen-Homburg die volle Souveränität und damit auch das Münzrecht zugestanden. Davon machten 1838 Landgraf Ludwig Wilhelm (1829-1839) und nach ihm Philipp (1839-1846) und Ferdinand (1848-1866) Gebrauch. Ihre Gulden und Kreuzer wurden in Darmstadt nach den Bestimmungen des Münchner Münzvertrags geprägt. Am 24. 3. 1866 starb Landgraf Ferdinand, verarmt, aber schuldenfrei. Er war der letzte überlebende von acht Söhnen aus der Ehe des Landgrafen Friedrich V. mit der darmstädter Prinzessin Karoline, die alle ohne männliche Nachkommen gefallen oder gestorben waren. Die komplette Erbschaft „fiel heim“ an Großherzog Ludwig III. von Hessen-Darmstadt, der den kleinsten Staat des Deutschen Bundes nicht etwa mediatisierte oder annektierte, sondern sich nun zusätzlich als Landgraf von Hessen-Homburg titulierte, und damit den Homburger Bürgern das Gefühl vermittelte, weiterhin unabhängig von gräßeren Mächten zu bleiben. Diese Freunde wirkte aber nur 163 Tage, denn nach dem Preußisch-Österreichischen Krieg bestrafte Bismarck den Großherzog am 3. Sept. 1866 mit der Annexion von Homburg. Im Schloss richteten die Hohenzollern nun ihre Sommerresidenz ein. Der Entwurf für einen „Heimfall-Taler“ kam nicht mehr zur Ausprägung; erst im 20. Jahrhundert wurden einige Stücke angefertigt.



Ausstellung "Geheimnis-Herrschaft-Wissen"



Passend zum Thema des 52. Süddeutschen Münzsammlertreffens im Vortragssaal der Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt bot die Bibliothek in der unmittelbar an den Saal angrenzenden Galerie die Ausstellung "Geheimnis-Herrschaft-Wissen" an. Wichtigster Vorbesitzer der gezeigten wertvollen Handschriften und alten Drucke war Philipp III. von Hessen-Butzbach (1581 - 1643, Sohn Georgs I. von Hessen-Darmstadt), dessen Studien sich hauptsächlich auf Astronomie und Astrologie, Z.T. auch auf Alchemie und Magie richteten. Der mit Philipp befreundete Astronom Johannes Kepler(1571-1630) hat ihn mehrfach auf dem Schloß in Butzbach(Wetterau) besucht und ihm manche seiner Schriften gewidmet. Aus dem Nachlaß des kinderlos verstorbenen Landgrafen kamen nicht nur Bücher nach Darmstadt, sondern auch astronomische und physikalische Instrumente sowie Preziosen aller Art. In den Pausen konnte man die historischen Bücher besichtigen oder sich zum Fachsimpeln treffen, wovon wie immer beim SMT reger Gebrauch gemacht wurde.



Ausstellung   Ausstellung2
Ausstellung "Geheimnis-Herrschaft-Wissen"
Vortrag Dreher
Vortrag Dr. Wolfgang Dreher

Wolfgang Dreher, Speyer: Landgraf Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt (geb. 1667, reg. 1678/88-1739). Ausgewählte Münzen und Medaillen



Ernst Ludwig wurde 1667, also vor 350 Jahren, als Sohn von Landgraf Ludwig VI. und Elisabeth Dorothea von Sachsen-Coburg-Gotha auf Schloss Friedenstein in Gotha geboren. Nach dem Tod seines Vaters 1678 wurde zunächst Ernst Ludwigs älterer Bruder Landgraf Ludwig VII. Da dieser bereits nach vier Monaten starb, regierte Elisabeth Dorothea als Vormund. 1688 übernahm Ernst Ludwig selbst die Regierung. Ernst Ludwig erbte Staatsschulden in Höhe von 2 Mio. Gulden. Nachdem Darmstadt im Pfälzischen Erbfolgekrieg 1693 zerstört wurde, wurde von 1694 bis 1698 die Residenz nach Gießen verlegt. Die Münzstätte wurde unter Johann Adam Rephun von 1693 bis 1705 in Gießen betrieben. In Darmstadt herrschte in den Folgejahren eine rege Bautätigkeit. Nach einem Brand 1715 wurde auch das Residenzschloss neu erbaut. Ernst Ludwig war als absolutistischer Herrscher auch ein Förderer von Theater und Musik. Zum Ende seiner Regierungszeit hatte sich die Schuldenlast auf 4 Mio. Gulden verdoppelt. Von der langen Regierungszeit zeugen zahlreiche Münz- und Medaillenprägungen. Besonders hervorzuheben sind die Bergbauprügungen aus dem nördlichen Teil von Hessen-Darmstadt („Hinterland“) aus Roth und Thalitter. In Roth wurde 1695 ein Erzgang aus Silberhaltigem Fahlerz entdeckt, woraus noch im gleichen Jahr einige kg Silber gewonnen wurden. 1696 wurden in der Münzstätte Gießen halbe und ganze Ausbeutetaler geprägt. Auch in den Folgejahren war der Bergbau erfolgreich. Die Lagerstätte in Thalitter an der Grenze zu Waldeck ist eine Kupferschiefer-Lagerstätte. Ab 1714 erzielte der Bergbau dort Gewinne. Daher wurden Bergbautaler geprägt, allerdings aus Fremdsilber, da das Kupfer keine nennenswerten Silbermengen enthielt. Bergbau-Medaillen wurden 1715 und 1718 geprägt. Neben den regulären Münzen, vor allem Talern in vielen Varianten, wurden auch Gedenkprägungen zu diversen Anlässen herausgegeben. Die Universität Gießen feierte 1707 das 100-jährige Jubiläum. Im Reformationsjahr sind besonders die Gedenkprägungen zu den 200-jährigen Jubiläen der Veröffentlichung der Thesen durch Martin Luther (1717) und zur Übergabe der Augsburger Konfession (1730) von Interesse. Daneben wurden einige weitere Raritäten vorgestellt.



Karl Heinz Fröhner: Die Residenz und „Respublica“ - historisch-numismatische Beziehungen zwischen Darmstadt und Frankfurt a.M.



Für die benachbarten Fürstenhöfe besaß die Messestadt Frankfurt a.M. als Handelsplatz für Luxuswaren und als Geldmarkt seit dem Beginn des 16. Jahrhunderts große Bedeutung. Das gilt insbesondere für das damals nur eine Tagesreise entfernte Darmstadt, dessen Landgrafen in der Mainmetropole 1583 knapp ein Viertel der Ausgaben für Hofhaltung und Hofstaat auf den Messen in Frankfurt ließen. Die Frankfurter Währung (Gulden, Albus, Kreuzer) war auch im Südhessischen maßgebend. Das zeigt sich z.B. in Gemeinschaftsprägungen von Halbbatzen (2 Kr. = 1 Albus) und Pfennigen, die von Mainz, Frankfurt, Hessen-Darmstadt und Nassau von 1624 - 1635 ausgegeben wurden. Ähnliche Vereinbarungen gab es mit Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt (reg.1688-1739). Sein Sohn Ludwig VIII. intensivierte die Kontakte nach Wien und traf sich anlässlich der Krönung Kaiser Josephs II. in Frankfurt mit diesem und dessen Vater Franz I.‚ wovon zwei prächtige Medaillen zeugen. Ludwigs „Cabinet-Medailleur“ Conrad Heinrich Küchler (Darmstadt 1746 - 1810 Birmingham) hatte in Frankfurt a.M. als Stempelschneider eine Station seiner internationalen Karriere, die ihn schließlich nach England führte. Nicht nur dort sorgte der Kleingeldmangel zu Beginn des 19. Jahrhunderts für private Ersatzausgaben; in unserem Gebiet sind die „Frankfurter Judenpfennige“ ein Begriff. Sie stammen indes meist nicht von dort, sondern sind nachweislich zuerst in Darmstadt geprägt worden. Ernst Friedrich Rößler, der Sohn des 1817-1862 amtierenden großherzoglich hessischen Münzmeisters Hector Rößler, wurde 1839 Wardein der Frankfurter Münze, die 1840 ein unter seiner Leitung errichtetes neues Gebäude bezog, das bis 1879 seinen Zweck erfüllte. Andere Münzbeamte und Medailleure arbeiteten sowohl in Darmstadt wie in Frankfurt. Besonders vielseitig war der Bildhauer, Medailleur und Goldschmied Augusto Varnesi (Rom 1866-1941 FFM), der 1899 die Professur für plastisches Gestalten an der TH Darmstadt übernahm. Die um 1900 aufblühenden Fächer Luftfahrt, Elektrotechnik, Kunststoffchemie usw. boten Anlässe zur Gestaltung von Medaillen, die für beide Orte wichtig sind. Schließlich ist an die freundschaftlichen Kontakte zu erinnern, die seit langem zwischen der Frankfurter Numismatischen Gesellschaft und den Münzfreunden Darmstadt bestehen.



Vortrag Fröhner
Vortrag Karl Heinz Fröhner
Rundgang   Rundgang
Rundgang durch die "Alte Vorstadt"

Rundgang durch die "Alte Vorstadt"



Der anschließende Rundgang durch die von Georg I. um 1590 begründete „Alte Vorstadt“ führte an baulichen Relikten des 14. - 20. Jahrhunderts vorbei zum Standort der Alten Münze (1618-1828)‚ deren Situation im Stadtplan bei entsprechender Erläuterung noch gut nachzuvollziehen ist; der Komplex war zugleich das Geburtshaus des Medailleurs Conrad Heinrich Küchler (Darmstadt 1746-1810 Birmingham). Das im Prinz-Georgs-Garten befindliche Palais mit der Großherzoglichen Porzellansammlung konnte wegen der vorgerückten Zeit nur von außen betrachtet werden. Die in ihm aufbewahrte Kollektion von Porzellanmünzen und -medaillen hatte übrigens vom 6.-7.10.17 Spezialisten (Freundeskreis keramischer Münzen und Medaillen) dieses Gebietes nach Darmstadt geführt.



Abendessen in der "Regentenstube" des "Alten Rathauses", heute Ratskeller



Am Abend trafen sich die Teilnehmer in der Regentenstube zum Abendessen und gemütlichen Beisammensein. Für einige Teilnehmer gab es noch eine Überraschung. So erhielten die Herren Dr. Eberhard Auer (Erftstadt), Andreas Henseler (Köln) und Winfried Stein (Erlangen) für die frühesten Anmeldungen, sowie Siegmar Jäger (Bremen) für die weiteste Anreise ein Buchgeschenk.
Regentenstube
Rundgang   Schlossmuseum
Schloßmuseum und Spaziergang durch die ehemalige Altstadt

Schloßmuseum und Spaziergang durch die ehemalige Altstadt



Am Sonntagmorgen trafen sich der Teilnehmer zum Besuch des Schloßmuseums (Residenzschloß). Nach Anhören des Glockenspiels begann pünktlich die Führung durch die Räume und Säle, deren Sanierung (2008 ff.) abgeschlossen ist. Positiv vermerkt wurde, daß trotz hoher Kriegsverluste noch recht viel historisches Inventar für ein fürstliches Ambiente sorgt. Im „Zarinnen-Zimmer“ konnten wir die schöne von Jules Chaplain 1896 gestaltete Medaille auf Nikolaus II. (1868-1918) und seine Frau Alexandra (geb. Hessen-Darmstadt 1872-1918) bewundern. Von ihnen kamen zahlreiche Goldschmiedearbeiten des berühmten St. Petersburger Juweliers Carl Ernst Fabergé (1846-1920) an die hessische Verwandten und das Schloßmuseum präsentiert diese exklusiven Geschenke anläßlich des Residenzjubiläums in einer Sonderschau: diese seltene Gelegenheit nutzten einige SMT-Teilnehmer und es soll sich sehr gelohnt haben, dafür auf den abschließenden Spaziergang durch die nach der Totalzerstörung im Krieg nur noch mit wenigen Denkmälern gesegneten Altstadt zu verzichten. Er führte entlang der Resten der Stadtmauer aus dem 14. Jahrhundert vom Schloß, am Weißen Turm, dem Stadtbrunnen, dem Rathaus, der Stadtkirche, dem alten Gymnasium („Pädagog“) über den (zweit-) ältesten Friedhof der Stadt zum Hinkelsturm, dem letzten erhaltenen Bollwerk der ehedem imposanten Befestigungsringes. Hier verabschiedeten sich die Gäste zum Wiedersehen in Neumarkt /Oberpfalz im September 2018.



Gruppenbild



Texte: Gunter Quarg, Horst-Dieter Müller, Wolfgang Dreher | Fotos: Gunter Eichler
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